Dr. Hansrudolf Keusen

Dr. Hansrudolf Keusen

Seit der letzten Kleinen Eiszeit um 1860 findet in den alpinen Regionen eine Erwärmung statt. Sie führte bisher zu einem Abschmelzen von ca. einem Drittel der Vergletsche- rung. Die Oberflächen vieler Gletscher liegen heute um ca. 200 – 300 m tiefer als vor 150 Jahren und die Gletscherzungen haben sich stark zurückgezogen.

Systematische Temperaturmessungen auf dem Jungfraujoch seit 1933 dokumentieren eine kontinuierliche Erwärmung um total ca. 1.5°C. Auffallend ist die markante Beschleunigung der Erwärmung seit 1980, welche sich hier mit einem deutlichen Knick manifestiert. Dieser Knick um 1980 ist auch bei vielen Gletschermessungen (Trift, Aletschgletscher) zu beobachten.

Die Erwärmung bleibt nicht ohne Folgen auf die Naturgefahren, welche insbesondere mit folgenden folgenden Prozessen in Erscheinung treten::

  1. das Auftauen von Permafrost in Höhen oberhalb ca. 2‘600 m ü.M. und in der Folge die Bildung von Murgängen und Felsstürzen
  2. das Instabilwerden von Steilflanken, welche die abschmelzenden Gletscher zurücklassen
  3. die Bildung von Gletscherseen vor den zurückweichenden Gletscherzungen.

Die kausalen Zusammenhänge dieser Gefahrenszenarien sind vielfältig. Bei den grossen Massenbewegungen ist Wasser der dominante, auslösende Faktor. Auftauender Permafrost öffnet die vorher verschlossenen Wasserwege im Gebirge, welches über lange Zeit durch Eissegregation (Eiswachstum) geschwächt wurde. Nicht unähnlich ist die Entstehung von grossen Rutschungen oder Bergstürzen in den von Gletscher zurückgelassenen Steilflanken: Die Entspannung öffnet das Gebirge und lässt Oberflächenwasser eindringen. Kann das Wasser wegen behinderter Abflusswege nicht drainieren, können sich sehr grosse Wasserdrücke aufbauen, welche das Gebirge aufbrechen und grosse Massenbewegungen auslösen. Sich aus dem Schutt bildende sekundäre Murgänge können bis in die Täler vordringen und grosse Schäden anrichten. Diese Zusammenhänge können an Felsstürzen des Hitzesommers 2003, den jüngsten grossen Murgängen und Bergstürzen in den Alpen anhand von Messungen und Beobachtungen dokumentiert werden. Dabei wird ersichtlich, dass es neben der Wirkung des Wassers immer auch eine geologische Disposition braucht, um solche grossen Massenbewegungen entstehen zu lassen. Dies macht die Entstehung solcher Gefahrenlagen komplex und verlässliche Prognosen schwierig. Trotz der markanten Erwärmung ist eine dramatische Zunahme grosser, spontaner Massenbewegungen (bröckelnde Berge) unwahrscheinlich. Die natürliche Kohäsion und Rheologie der Gebirge verhindert dies.

Das Phänomen Gletschersee ist leichter erfassbar. Mit Gletschermodellen können die in den nächsten Jahrzehnten entstehenden Gletscherseen weltweit erfasst werden. Der Vorgang hat in den Alpen, im Himalaya und in den Anden längst begonnen und wird sich weiter fortsetzen. Es werden sich tausende von Gletscherseen bilden. Ob und wie weit sie für die Zivilisation gefährlich werden, hängt von den lokalen Gegebenheiten ab. Spontane Gletscherseeausbrüche können subglazial oder durch Überschwappen nach grossen Rutschungen in den See bedingt sein. Subglaziale Ausbrüche sind aber wesentlich häufiger und gefährlicher, weil sie durch die oft nur schwer durchschaubare Eigendynamik von See und Gletscher entstehen und keine zusätzliche in den See fahrende Massenbewegungen notwendig machen. Subglaziale Ausbrüche können sehr grosse Flutwellen zur Folge haben. Die Vorgänge sind wiederkehrend und das Gefahrenpotential kann über lange Zeit fortbestehen. Die Bildung von Gletscherseen und Gletscherseeausbrüchen kann an zahlreichen Beispielen verstanden werden (Alpen, China). In den nächsten Jahrzehnten wird sich die Gefahrenlage Gletschersee durch das weitere Abschmelzen der Gletscher deutlich verschärfen.

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Plaine Morte Gletscher, Schweiz

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Entstehender Gletschersee und subglazialer Wasserausbruch, August 2013