Benoît Sittler

Benoît Sittler

Während die Arktis oft als das empfindlichste Fieberthermometer des globalen Klimawandels betrachtet wird und dessen Erwärmungstrend durch Messungen inzwischen gut belegt ist, gibt es bislang nur wenige fundierte Beobachtungen zu den Folgen der Änderungen für Lebensgemeinschaften. In einem seit 1988 laufenden Langzeitvorhaben über Lemminge in Nord-Ost Grönland wurden Änderungen in den zyklischen Populationsmustern registriert, die mit Veränderungen der Umweltbedingungen in Folge der Klimaerwärmung in Verbindung gebracht werden können. Diese betreffen auch zwischenartliche Wechselbeziehungen, die zu Kettenreaktionen in der ganzen hocharktischen Gemeinschaft führen.

Arktische Ökosysteme sind gekennzeichnet durch extreme Lebensbedingungen, mit denen nur bestens angepasste Arten zu Recht kommen. Zu den relevantesten Umweltfaktoren zählen monatelange Frostperioden samt der einhergehenden langen Schneebedeckung von bis zu 9 Monaten wie auch der sehr spärliche Pflanzenbewuchs als karges Futterangebot für Pflanzenfresser. Während sich Zugvögel den widrigsten winterlichen Bedingungen entziehen können, haben nur wenige Landsäugerarten Anpassungen entwickelt, die ihnen ein Leben unter diesen Extremen ermöglichen. Neben anatomischen und physiologischen Anpassungen an diese Umweltbedingungen spielen auch ökologische Anpassungen eine wesentlich Rolle für ihr Überleben in diesen Landschaften.

Sittler_Lemming_BildDer Halsbandlemming ist eine Art, die mit den Schneeverhältnissen der nördlichen Tundra nicht nur zu Recht kommt, sondern geradezu von ihr abhängig ist. Nur im Schutz einer lang anhaltenden Schneebedeckung reproduzieren Lemminge so erfolgreich (bis zu 5 Würfe pro Winter), dass es zu den bekannten Massenvermehrungen (sogenannte Peakjahre) in Abständen von 4 bis 5 Jahren kommt. Dabei spielt neben der Dauer der Schneebedeckung auch die Schneequalität eine wichtige Rolle beim Anlegen der Winternester und beim Zugang zur Winternahrung. Laufende Auswertungen zur Schneebedeckung belegen den Trend zur früheren Schneeschmelze sowie das spätere Auftreten des Schnees im Herbst; beides Trends die für die Lemminge negativ zu bewerten sind.

Die laufende Langzeitforschung konnte zeigen, dass die zu Beginn des Vorhabens noch ausgeprägten Zyklen seit etwa 12 Jahren ausbleiben. Dies hat auch zur Folge, dass sich auf Lemminge angewiesene Fressfeinde wie Schnee-Eulen und Raubmöwen seither kaum noch mit Erfolg fortpflanzen können. Sollte dieser Trend in den kommenden Jahren anhalten, könnten mangels Nachwuchs die Populationen dieser Arten auf Dauer gefährdet sein. Auch an anderen Orten in der Arktis rechnet man diesbezüglich mit einem Rückgang der Schnee-Eulen Population.

Sittler-1

Zusätzliche Begleituntersuchungen im Rahmen dieses Projektes deuten auf weitere Änderungen für die Tiergemeinschaften des Hohen Nordens hin. Fehlen Lemminge als Beute für den Polarfuchs, kann sich das negativ auf den Bruterfolg von Arten auswirken, die ihm in solchen Jahren als Ersatzbeute dienen (z.B. Prachteiderente, Strandläufer). Derzeit versuchen wir in einem internationalen Kooperationsprojekt weiteres Licht in diese komplexen Zusammenhänge zu bringen.

Unabhängig von den Lemmingzyklen sind negative Auswirkungen für weitere Arten zu erwarten. Für Moschusochsen können Tauwetterperioden im Winter den Zugang zur unter dem Schnee liegenden Pflanzennahrung unmöglich machen und zum Hungertod vieler Tiere führen. Eisbären werden durch den großflächigen und frühzeitigen Rückgang des Packeises entlang der Küste Nordost Grönlands gezwungen, die für sie weit weniger attraktiven Tundrenlebensräume an Land aufzusuchen.

Imprimer

Sittler_Logo_Landespflege